Developed in conjunction with Eco-Joom.com

Der Pfänder – ein sportlicher Fahrradausflug der 7c oder die Suche nach dem Glück...

Diese Geschichte handelt von einer einzigartigen Sportklasse 7c der Graf Soden Realschule. Es ist eine Geschichte über Mut, Herausforderung, sportlichen Ehrgeiz und jede Menge Biss. Wobei ich hierbei etwas ausholen muss...

Aus der Sicht einer Klassenlehrerin:

Nach wochenlanger Planung, verschlampten Elternbriefen, misslungenen Fahrradreparaturen, vergessenen Helmen und endlosen Diskussionen über körperliche Kondition und angemessene Verkehrsregelung fand sich am 8. Juli 2015 eine Horde halbstarker Männer und Frauen auf dem Schulgelände der GSR ein, um willensstark auf ihren Drahteseln gen Sonne zu reiten. (Naja, das Wetter meinte es gut mit uns: Sprühregen und 20° C, also optimale Bedingungen für unser Vorhaben!).

Die einen mehr, die anderen weniger motiviert fuhren wir unserer sportlichen Herausforderung entgegen. Unzählige Fragen „Wo liegt überhaupt der Pfänder?“, „Kommen wir auch durch die Schweiz?“, „Wie weit noch?“,... beantworteten wir drei Kollegen natürlich zunächst mit großer Freude. Unterwegs verlorengegangene Jacken und Trinkflaschen wurden noch energisch eingesammelt und immer wieder aufgehoben.

Die Karawane von insgesamt 24 Drahteseln musste aber, so stellte sich schnell heraus, der einen oder anderen Hürde trotzen. So reparierten meine beiden kompetenten Sport- und Technikkollegen Herr Loy und Herr Metz bereits den ersten plattgefahrenen Reifen in Langenargen. In Kressbronn wurden erneut zahlreiche Räder aufgepumpt, Sattel verstellt sowie die eine oder andere Gangschaltung ausgebessert. Diverse 8er im Reifen meines bislang motivierten Schülers wurde zunächst als „nicht so schlimm“ betitelt - prompt musste es dann doch in Lindau gegen ein Leihrad ausgetauscht werden. Zugegeben, diese kleinen Herausforderungen auf gerader Strecke konnten uns allen den Eifer nicht nehmen. Als wir aber den ersten Anstieg Richtung Möggers nahmen, schwand bei einigen meiner „Schäfchen“ die Lust und leider auch zunehmend die körperliche Kraft. Krämpfe in den Beinen und Tränchen in den Augen hatten zur Folge, dass wir Magnesium, Traubenzucker und natürlich aufmunternde Worte verschenkten. Eines war klar: Wir schaffen das! Und ja, wir schaffen das ALS GANZE KLASSE!!! So beobachteten wir Lehrer mit größter Bewunderung, wie einzelne Jungs ihre Räder zum nächsten Treffpunkt fuhren, um dann das Bergstück herunter zulaufen und den Mädchen beim Schieben zu helfen. Mit Entzücken ließen diese sich natürlich helfen und es bissen sogar jene auf die Zähne, die seit einigen Wochen unter leidigen Drähten in den Mündern geplagt sind.

Aber der körperlichen Ermüdung nicht genug...wir hatten beim Aufstieg des Bregenzer Hausberges mit weiteren platten Reifen, nicht funktionstüchtigen Pedalen, leer gegangenen Flaschen und Vespertüten sowie sich sträubenden Satteltaschen und Schnürsenkeln, die sich mehrfach in den Speichen verfingen, zu kämpfen. Man sollte meinen, dies seien Gründe genug, eine Klasse zum Motzen oder Rebellieren zu bewegen. Doch auch hier überraschte mich meine Klasse erneut. Ich konnte lachende Gesichter beobachten, aufmunternde Sprüche hören oder gar Äußerungen wie „Frau Keller, haben Sie die schöne Aussicht hier gesehen?“. Das waren die Momente, die Ali Baba und seine 21 Räuber dazu bewegten weiter zu machen!!! Und so schoben und schoben wir... bis zum bitteren Ende! Um 17.00 Uhr erreichten wir unser Ziel – die Pfänderplattform. Verschwitzt, glücklich, fasziniert von der Aussicht und beinahe ausgehungert kauften wir den Kiosk leer und vergaßen vor Glück beinahe, dass wir noch eine Rückfahrt bis Kressbronn in Claudi’s Radl Stadl zu meistern hatten. Aber das schien uns für den Moment nicht im geringsten zu interessieren. Als hätten meine Sportler keine Anstrengung hinter sich, machten sie den Spielplatz unsicher und tobten unermüdlich herum.

Nach einem stolzen Berg-Bild und einer kurzen Ansprache, wie meine liebsten Schützlinge ohne große Verletzungen die Serpentinen herunter fahren sollten, fuhren wir hintereinander Richtung Tal. Einen geplatzten Reifen später, blieb uns nichts anderes übrig, das „Unglücksschaf“ Erman in ein vorbeifahrendes Auto zu setzen und in Lochau das Leihfahrrad Nummer 2 für ihn auszuleihen. Für den Rest der Gruppe schien diese Aktion bis dahin keine große Verwunderung mehr auszulösen. Ab diesem Zeitpunkt wurden diverse Fragen, wie „Wann sind wir endlich da?“ oder „Wann grillen wir endlich?“ sehr einsilbig und missmutig seitens der Lehrer beantwortet. Und so verstummten zunehmend die Stimmen aller, entweder aus Müdigkeit, Erschöpfung oder einfach aus Vorfreude auf ein Barbeque in Claudi s Radl Stadl. Über abrupt auftretende Magenprobleme und private Episoden zwischen den Apfelplantagen sowie vergessene Helme und Rucksäcke will ich an dieser Stelle nicht näher berichten.

Und so erreichten wir um 19.30 Uhr den wunderschönen, ländlichen Stadl, wo uns Claudi eine kurze Einweisung gab und wir wohlverdient Gegrilltes und Salate essen konnten. Nach einer kurzen Zeit im Garten bei den Pferden, Kühen und Schweinen, erfüllten mir meine lieben Stadtkinder den sehnlichsten Lehrer-Wunsch: „Um zehn ist Bettruhe! Ich wünsche euch eine gute Nacht, danke für diesen tollen Tag, ich wecke euch morgen früh...“, sprach’s und musste zur Ermahnung nicht wieder kommen...

à Liebe Kinder, DANKE für diesen entspanntesten „Geh-ins-Bett-Prozess“, den ich in meiner Lehrerlaufbahn je hatte! J

Nach einer erholsamen Nacht weckten die Jungs pünktlich um 8.00 Uhr das Mädchenzimmer mit Gesang, in dem unser Geburtstagskind Darja noch selig schlief.

Ein leckeres Frühstück ließ uns später gestärkt ans Strandbad Kressbronn fahren, wo sich alle Grazien die Fingernägel lackierten, die Beachboys badeten und Ball spielten und alle Unentschlossenen den Kiosk unterstützten.

In der Zwischenzeit gab unser „Engel Frau Ganter“ (Elternvertreterin) die Leihräder der beiden Pechvögel in Lindau und Lochau zurück – vielen lieben Dank nochmal!!!

Wahrscheinlich hätten wir es trotz durchwachsenem Wetter noch ewig im Strandbad aushalten können, doch wir wollten ja gegen 15.00 Uhr pünktlich zurück sein. Diesen Zeitplan hätten wir beinahe nicht einhalten können, da der Schlüssel vom Fahrradschloss ausgerechnet bei unserem Geburtstagskind nicht aufzufinden war. Durchwühlte Taschen und Rucksäcke hielten den netten Bademeister später also nicht davon ab, das Schloss im Nu durchzuflexen und wir hatten wieder freie Fahrt. Quasi in Rekordzeit erreichten wir am Nachmittag unser Ziel und fuhren mit einem Klingelkonzert auf dem Schulhof ein. Wir ernteten neidische Blicke einiger Mitschüler, die hoffentlich erahnten, welch großartige Leistung wir mit dieser Aktion vollbracht haben.

Liebe 7c, ihr habt mir einen Traum erfüllt – danke für euren Eifer, eure Ausdauer und euren liebevollen Charakter! Wer einander so zur Seite steht und unterstützt, der wird im (Schul-)Leben noch so manches Große erreichen! Ich bin stolz auf euch...

Danke auch an meine beiden Kollegen, die mit ihrer ESELsgeduld sämtliche DrahtESEL wieder runderneuert haben. Ohne euch wären wir ganz sicher gescheitert...

 Linda Keller