Developed in conjunction with Eco-Joom.com

Schulpatron

Als der Gemeinderat der Stadt Friedrichshafen am 6. März 1974 einstimmig unserer Schule den Namen des Grafen von Soden verlieh, sollte nicht nur das Gedenken an einen Ehrenbürger der Stadt geehrt und bewahrt werden. Vielmehr sollte dieser Name für diese Realschule mit ihren starken naturwissenschaftlich- mathematischen und technischen Akzenten Verpflichtung und Vorbild sein: Dass nicht das „ICH“, sondern das „WIR“ Vorrang habe, dass hohe Leistungen in Wissenschaft und Technik nur in gemeinsamer Arbeit erbracht werden können, dass somit auch jeder Einzelne der Gemeinschaft verpflichtet und letztlich seinem Schöpfer verantwortlich ist.

Doch, wer war dieser Mann? Geboren am 21. November 1875 in Neufraunhofen in Niederbayern, war Alfred Graf von Soden-Fraunhofen in seiner Schulzeit in Neufraunhofen, Augsburg und München keineswegs ein überragender Musterschüler. Eine Beurteilung zum Schulabschluss ist überzeugt, dass sich seine guten Eigenschaften bewahren und vertiefen werden, dass er mehr Selbstvertrauen erlangen und ein angestrebtes Ziel mit Energie erreichen werde. Besonders hervorgehoben werden seine ehrenhafte Denkweise, sein Gottvertrauen, seine Achtung den Eltern gegenüber.

Nach einem harten Wehrdienst beim schweren Reiterregiment in München finden wir den jungen v. Soden beim juristischen Studium an der Universität München. Nach sechs Semestern folgt die Vorprüfung für den höheren Justiz und Verwaltungsdienst, die praktische Ausbildung für den Staatsdienst hätte beginnen können. Da äußerte Alfred Graf von Soden den Wunsch, das Studium in den Fächern Physik und Elektrotechnik fortzuführen. Die Eltern lehnten zunächst ab, hatten in adeligen Kreisen vor dem Ersten Weltkrieg doch technische oder kaufmännische Berufe noch geringes Ansehen! Schließlich aber erhielt er die elterliche Zustimmung und studierte an der Technischen Hochschule in München Maschineningenieurwesen. Seine Diplomprüfung legte Alfred Graf von Soden mit „gut“ ab, der Beginn einer Laufbahn reich an Sorgen und Nöten, aber auch an großen Erfolgen, stand offen. Man schrieb 1900, als A. v. Soden seine Berufsausbildung beiDaimler in Cannstatt begann. Werkstattzeichnungen herstellen, Wiederherstellung von Pausen nach einem Brand, das waren die Arbeitsaufträge des Neulings. Doch er wuchs in seine Arbeit hinein. 1904 durfte er einen Daimler-Rennwagen umbauen: Mit 148 Stundenkilometern errang daraufhin das Fahrzeug in den USA Weltbestzeit! Ein erster Erfolg! Ein Patent auf eine „Explosionskraftmaschine“ folgte. Da erhielt v. Soden ein Stellenangebot aus dem Ausland. Er lehnte ab, da er „auf anständige Art Geld verdienen wolle“ und durch unwillkürliche Weitergabe seiner Kenntnisse Schaden für die Daimler-Motoren-Gesellschaft DMG befürchtete.

Von Cannstatt kam er sodann ins Werk Untertürkheim, baute mit System und Ordnung die Materialprüfungsstelle der DMG zur Versuchsabteilung aus. Die Konstruktion eines Vergasers, 1906 das Patent auf eine Motorbremse, kennzeichnen Arbeitswillen und schöpferisches Denken über den Alltag hinaus. Das Problem eines Dieselmotors für Automobile ist noch ungelöst, als v. Soden 1907 von Daimler zum Konstruktionsbüro Dr. Vogler und dann zur  Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg (MAN) überwechselt. Doch das Projekt „Vogelmotor“ kam nicht so recht voran, eine zuverlässige Einspritzpumpe fehlte. Eine der „Kleinigkeiten“, die 20 Jahre Entwicklung brauchen sollten! In Friedrichshafen hatte in diesen Jahren der „verrückte“ Graf Zeppelin bereits drei Luftschiffe gebaut, 1908 folgte der LZ 4, die Luftschiffbau Zeppelin GmbH wurde gegründet. Diese ersten Luftschiffe waren mit Daimler-Motoren ausgerüstet, wohl der Grund, dass der greise Luftschiffbauer und der junge Soden miteinander bekannt wurden. Mit dem genialen Blick für hervorragende Mitarbeiter gelang es Graf Zeppelin 1910, Alfred Graf von Soden zum Übertritt in den Luftschiffbau zu gewinnen die Einrichtung einer Versuchsabteilung zur Prüfung von Material, Propellern und Motoren wurde seine Aufgabe. Zahlreiche Aufstiege und Fahrten mit Luftschiffen erfolgten, die Zusammenarbeit mit Konstrukteuren wie Dürr, Claude Dornier, Kober, um nur einige Namen zu nennen, erbrachten wichtige Erfindungen und Erfolge der jungen Luftfahrtindustrie Friedrichshafen.

Da brach 1914 der Erste Weltkrieg aus. Von Soden rückte gegen den Widerstand des Luftschiffbaus als Führer einer Munitionskolonne ins Feld. In Friedrichshafen wurde indes der gesteigerte Bau von Militärluftschiffen zum technischen wie personellen Problem. 1915 von der Front zurückgeholt, oblag A. v. Soden zunächst die Abnahme und Prüfung der abzuliefernden Luftschiffe. Dann aber bestimmte ein technisches Problem seinen Berufsweg: die Übertragung der Motorenkräfte auf die Propeller. Anfänglich noch Kettenantrieb, dann die Kegelradübertragungen erwiesen sich als ungeeignet, erschütterungsfreie Untersetzungsgetriebe waren nicht vorhanden, es gab noch keine Fabrikation einwandfrei laufender Zahnräder!

So beschloss der Luftschiffbau Zeppelin mit den eben entwickelten Verzahnungsmaschinen des Schweizers Max Maag die Produktion von Zahnrädern selbst aufzunehmen, die Zahnradfabrik Friedrichshafen wurde 1915 gegründet, zu ihrem Leiter wurde Alfred Graf von Soden bestellt. Auf dem Löwentaler Gelände entstanden nach Behelfsbauten feste Hallen, in denen bereits die Herstellung von Automobilgetrieben vorgeplant wurde. Nebenher beschäftigte sich v. Soden noch mit den Grunlagen des Autogetriebebaus und er sah das Ende der Rüstungsproduktion kommen. „Was macht man im ersten Moment, wenn noch keine Rohstoffe da sind, mit den Arbeitern und entlassenen Soldaten?“ fragt v. Soden in einem Brief, und es gelingt ihm tatsächlich, die Zahnradfabrik Friedrichshafen und damit die Arbeitsplätze vieler Friedsrichshafener trotz Kriegsende und Zusammenbruch zu erhalten. Politische Unruhen und Streiks, Geldentwertung, Absatzsorgen, drückende Schuldenlasten bedrohten die Fabrik an der Löwentalerstrasse. Doch es waren der Optimismus und das Verhandlungsgeschick ihres Leiters, ganz besonders aber das Ansehen, das v. Soden bei seinen Arbeitern hatte, dass diese Schwierigkeiten jeglicher Art überwunden werden konnten. In diesen Zwanzigerjahren erlebte die Motorisierung des Straßenverkehrs einen unvergleichlichen Aufschwung. Eigene Konstruktionen und Sodens unablässige Forderung nach Verbesserung hatten die ZF-Getriebe weltbekannt werden lassen. Bei der Gründung 30 Mitarbeiter zählend, gab die Zahnradfabrik in den Werken Friedrichshafen, Berlin, Schwäbisch Gmünd Tausenden Arbeit und Auskommen, waren der Zeit voraus soziale Einrichtungen geschaffen worden.

Da brach nach 24 Jahren Mühe und Arbeit der Zweite Weltkrieg aus. September 1940: 25-jähriges Firmenjubiläum. In der Festschrift lesen wir das Vorwort von Alfred Graf von Soden: „Es gibt im Leben des Menschen Zeiten, da nimmt das Schicksal ihn bei der Hand und zwingt ihn, für einen Augenblick zu rasten und nachzudenken über das, was er in der Vergangenheit getan hat, zu prüfen, ob er seine Pflicht dem allmächtigen Schöpfer und sich selbst gegenüber erfüllte ...“. Kurze Zeit danach verunglückte v. Soden auf dem Weg zu einer Fachtagung. Es begann eine ernste Erkrankung, die in immer schwereren Wellen sein Schaffen unterbrach. In denselben Wochen des Jahres 1944, als sein Werk und die Stadt Friedrichshafen unter Bombenangriffen zerstört wurden, verschlimmerte sich sein Zustand. Am 16. Juni 1944 erlag dann Alfred Graf von Soden-Fraunhofen seinem Leiden.

Man sagt, dass das feinste Sieb der Geschichte die Zeit sei. Und wirklich, 30 Jahre nach dem Tod des Gründers der ZF, können wir die Gültigkeit dieses Satzes feststellen: Hochgelobte Größen der damaligen Zeit sind vergessen, verschwunden, Wesentliches wurde vom Unwichtigen getrennt. Wird solchermaßen dieses Lebensbild betrachtet, bleiben neben hohem Wissen und genialem Können zurück: Selbsterkenntnis und Selbstverpflichtung, Verantwortungsbewusstsein und menschliche Güte, Eigenschaften, die in der Graf-Soden-Realschule geweckt und gefördert werden mögen, die wir unseren Kindern für ihr Leben wünschen.

Eugen Moll, 1975